Drastische Zunahme des Einbruchdiebstahls  

"Die Täter nehmen, was sie kriegen"

Zehn Sekunden, ein Schraubendreher und eine günstige Gelegenheit genügen einem Wohnungseinbrecher. (Quelle: imago/Tack (Symbolfoto))

Die Zahl der Wohnungseinbrüche in Deutschland war 2015 so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die Delikte sind deutschlandweit um rund zehn Prozent gestiegen. Die Aufklärungsquote ist gering, das Täterbild diffus. Trotzdem legen Hausbesitzer immer noch zu wenig Wert auf Prävention.

"Die Täter nehmen was sie kriegen" - auf diesen einfachen Nenner bringt Caroline Hackemack vom Netzwerk "Zuhause sicher" das Beuteschema der Täter. Schmuck, Laptop, Bargeld und Handy stehen auf der Liste der geklauten Gegenstände ganz oben. 

Deutschlands Hausbesitzer würden es den Einbrechern auch sehr leicht machen, denn die wenigsten Gebäude seien ausreichend gegen Einbruch gesichert. Sie kritisiert, dass es in Deutschland für Bauherren zwar ausführliche Richtlinien zur Dämmung, nicht aber zum Einbruchsschutz gebe. 

Das schlägt sich in den Zahlen nieder. Für das Jahr 2015 weist die Kriminalstatistik 167.136 erfasste Fälle aus und damit 9,9 Prozent mehr als im Jahr davor, berichtete "Die Welt" unter Berufung auf die neue Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). So hoch lag die Zahl der Wohnungseinbrüche demnach zuletzt 1993.

Zu wenig Polizei oder zu wenig Prävention?

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) führt den Anstieg bei Wohnungseinbrüchen auf Personalabbau bei der Polizei zurück. "Die Polizei ist gezwungen, sich aus der Fläche zurückzuziehen. Deshalb hat die Polizei schon Reviere schließen müssen", sagte der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Jörg Radek. Seit 2005 stieg die Zahl der Wohnungseinbrüche laut GdP um rund 52 Prozent - durchschnittlich geschehe alle drei Minuten ein Einbruch. 

Kriminalkommissar Dirk Struckmeier aus Gütersloh rückt die Zahlen etwas zurecht. Rund 40 Prozent der erfassten Einbrüche seien nur Versuche. "Aber auch Versuche machen Menschen zu Opfern." 

Zehn Sekunden genügen

Dabei trifft das Sprichwort "Gelegenheit macht Diebe" tatsächlich zu, weiß Hackemack. "Die meisten Täter sind Gelegenheitsdiebe, aber ihre Profession ist Einbruchdiebstahl. Die wissen, was sie tun." Das bedeutet, Wohnungen werden nicht gezielt ausgespäht, sondern ein einzelner Dieb durchstreift ein Wohngebiet. Wo ihm die Gelegenheit günstig erscheint, schlägt er zu. In zehn Sekunden sei ein ungesichertes Fenster mit einem Schraubendreher aufgehebelt. "Schnell rein, durch die Wohnung und wieder raus. Die Beuteerwartung ist dabei nicht hoch."

Impulstäter erzielen einen guten Stundenlohn

Diese "Impulstäter" wissen, wo sie die Beute finden: Geld im Schlafzimmer bei der Unterwäsche oder in der Küche. In drei Minuten ist das Haus durchsucht. Eine Kette, eine Uhr, 30 bis 40 Euro Bargeld - das ist der Schnitt. Struckmeier erwartet, dass sich die Schadensquote in Zukunft sogar erhöhen wird, da immer mehr Menschen den Banken misstrauen und mehr Bargeld zu Hause horten.

Struckmeier geht davon aus, dass etwa 80 Prozent der Taten der organisierten Kriminalität zuzurechnen seien. Die Täter gehörten zu Banden aus Rumänien, Bulgarien und Georgien. Als Beispiel nennt er eine Gruppe von elf Tätern, die erst kürzlich gefasst wurde, der 250 Einbrüche nachgewiesen werden konnten.

Diese Gelegenheiten machen Diebe

Der Trick, mit einer Scheckkarte eine Türe zu öffnen, funktioniere, so Sicherheitsexpertin Hackemack, nicht nur im TV-Krimi. Selbst für Ungeübte sei es leicht, wenn die Türe nicht verschlossen, sondern nur ins Schloss gezogen ist.

Diese Faktoren begünstigen Einbrüche:

  • Dämmerung 
  • kein Licht im Haus
  • hohe Fenster, die ahnen lassen, was zu erbeuten ist
  • mangelnder mechanischer Schutz an Fenster und Türen (Pilzkopfzapfen, Zusatzschlösser, Aufschraubsicherungen)
  • Sichtschutz
  • Versteckte Eingänge hinter hohen Hecken, Mülltonnen, Gartenmöbel
  • Abwesenheit der Bewohner (Urlaub, Einkaufen, Sport, Hund ausführen)
  • gute Fluchtmöglichkeiten (Autobahnnähe)

Die Täter schlagen in der Regel das Diebesgut schnell wieder los. Die Chance für die Bestohlenen, etwas zurückzubekommen, ist gering. Um von der Hausratversicherung zumindest den materiellen Schaden ersetzt zu bekommen, müssen die Opfer nachweisen, was weggenommen wurde, außerdem müssen Einbruchsspuren vorhanden sein.

Der materielle Schaden wird ersetzt

Gegen die psychologischen Folgen eines Einbruchs hilft keine Versicherung. Dieses Eindringen in die Privatsphäre belastet die Betroffenen oft jahrelang. "Das berührt Urinstinkte: Da war ein Fremder in meiner Höhle, jetzt mag ich meine Höhle nicht mehr", fasst Struckmeier die Gefühle Betroffener zusammen, "obwohl dem Einbrecher meine Person völlig egal ist".

Angstgefühle und Schlafprobleme können die Folge sein. "Jedes harmlose nächtliche Geräusch könnte plötzlich ein Einbrecher sein", so Struckmeier. Etwa ein Viertel der Einbruchopfer würde am liebsten umziehen, rund zehn Prozent suchen sich tatsächlich eine neue Wohnung.

Obwohl der materielle Schaden in der Kriminalstatistik nicht so stark zu Buche schlägt, macht ein einziger Einbruch mehrere Menschen zu Opfern, daher nimmt die Polizei diese Delikte sehr ernst 

Das raten Polizei und Sicherheitsexperten

Polizei und Sicherheitsexperten raten zu Prävention durch DIN-geprüfte mechanische Sicherungen gegen Einbruch. Alarmanlagen würden zwar den Einbruch melden, aber  nicht verhindern. 

Die Polizei berät Hausbesitzer kostenlos und neutral und schult Architekten. "Sicherheit sollte so selbstverständlich sein wie Heizung oder Sanitäranlagen", fordert Kriminalkommissar Struckmeier. Als Faustregel gilt, rund drei Prozent der gesamten Bausumme sollten für Sicherheit aufgewendet werden. Als Vorbild nennt er die Niederlande: "Hier erhalten Sie gar keine Baugenehmigung, wenn das Sicherheitskonzept nicht von der Polizei abgenommen ist. Die wollen nicht nur keine Opfer, sondern auch keine Täter."

Das Netzwerk "Zuhause sicher" empfiehlt, eine Wertgegenstandsliste zu führen, Vordrucke der Polizei sind online verfügbar. Eine solche Aufstellung umfasst die Wertgegenstände eines Haushaltes mit Anschaffungsdatum, Kenn-Nummer, Kaufbeleg und Foto. 

(Quelle: T-Online)